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Alkohol-Aggression: Wann und warum macht Alkohol aggressiv?

Epidemiologische Studien der Weltgesundheitsorganisation dokumentieren, dass der Konsum alkoholischer Getränke im Vergleich zu anderen psychotropen Substanzen mit am stärksten mit aggressivem Verhalten verbunden ist. Dies gilt für einen akuten Alkoholkonsum ebenso wie für chronischen Alkoholkonsum oder eine Alkoholabhängigkeit. Obwohl Frauen allgemein üblich ein eher sentimentales Verhalten zugeschrieben wird, sind Aggressionen nach Alkoholkonsum nicht zwangsläufig ein geschlechterspezifisches Problem. Je nach Setting und Persönlichkeit können sowohl Männer als auch Frauen aggressiv nach Alkoholkonsum reagieren.

Alkohol und aggressives Verhalten: Statistiken und Fakten

Zwar wissen heutzutage immer mehr Menschen, wie gefährlich ein dauerhaft erhöhter Alkoholkonsum sein kann, doch trotzdem gönnen sich mehr als 90 % aller Deutschen im Erwachsenenalter zumindest hin und wieder alkoholische Getränke. Mehr als 1,5 Millionen Menschen hierzulande sind alkoholsüchtig und 2,7 Millionen trinken immerhin so viel, dass sie körperliche, soziale oder psychische Konsequenzen zu befürchten haben. Jahr für Jahr sterben mehr als 70.000 Menschen in der Bundesrepublik an den Folgen ihres Alkoholkonsums, ebenfalls ist die Zahl der Gewalttaten alarmierend. Allein im Jahr 2016 wurden mehr als 40.000 Gewalttaten registriert, die unter Alkoholeinfluss verübt worden sind. Bei den allgemeinen Straftaten wurden mehr als 240.000 Tatverdächtige verhaftet, die das entsprechende Delikt nach dem Konsum von Alkohol verübt hatten. Insgesamt sind mehr Männer in Gewaltsituationen bedingt durch Alkohol verwickelt – sowohl als Opfer als auch als Täter.

Weshalb macht Alkohol aggressiv?

Tatsache ist, dass nicht jeder Mann und nicht jede Frau aggressiv wird, wenn er oder sie getrunken hat. Manche Personen können alkoholhaltige Getränke konsumieren, ohne dass sie der sprichwörtlichen Fliege etwas zuleide tun würden. Bei anderen genügt bereits eine kleine Menge Alkohol, damit sie die Fassung verlieren. Wissenschaftler sind sich über die genauen Mechanismen, die den Unterschieden im Verhalten Betrunkener zugrunde liegen, noch nicht einig. Aktuelle Studien weisen jedoch darauf hin, dass sowohl die Wirkung des Alkohols auf das Gehirn als auch der Hormonspiegel und die Sozialisierung eine Rolle für die Entwicklung einer Alkohol-Aggression spielen können.

Welche sozialen Ursachen sorgen bei Alkohol für Aggressivität?

Die Art und Weise, wie Menschen aufwachsen bzw. sozialisiert werden, hat entscheidenden Einfluss auf deren späteres Verhalten. Wer zum Beispiel als Kind miterlebt, dass Konflikte in der Familie meist mit Gewalt gelöst werden oder dass Vater und Mutter häufig aggressiv reagieren, tendiert als Erwachsener dazu, ein ähnliches Auftreten an den Tag zu legen. Oftmals werden Personen unter dem Einfluss von Alkohol aggressiv, die in ihrem Leben selbst Gewalt erlebt haben. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass jeder überreagierende Alkoholiker selbst Opfer von Aggression gewesen sein muss. Studien und Untersuchungen zeigen lediglich, dass diese Gruppe von Menschen tendenziell eher dazu neigt, im alkoholisierten Zustand durch emotionale Instabilität und Aggressivität aufzufallen. Ebenso neigen Betroffene in schwierigen Lebenssituationen oder unter immensem Stress eher dazu zur Flasche zu greifen. Dies kann doppelt gefährlich werden, weil sich in diesen Fällen das Risiko für gewalttätige Reaktionen vergrößert.

Welche Rolle spielen die Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn?

Ein Großteil der Alkohol-Aggressionen wird im Gehirn ausgelöst. Im Jahr 2018 haben Wissenschaftler aus Australien herausgefunden, dass sich die Hirnaktivitäten verändern, wenn Betrunkene sich aggressiv verhalten. Die Veränderungen waren vor allem im präfrontalen (vorderen Teil) Kortex zu bemerken, dem Teil des menschlichen Gehirns, der für die Impulskontrolle verantwortlich ist. Normalerweise wird Aggressivität in diesem Hirnareal blockiert oder zumindest ausgebremst. Diese Funktion war jedoch schon bei einem geringen Promillewert von 0,5 so stark beeinträchtigt, dass die Testpersonen mit alkoholbezogener Aggression auffällig wurden. Bereits ein oder zwei Bier können theoretisch genügen, um die Impulskontrolle derart herabzusetzen, dass die Stimmung bei den Betroffenen umschlägt und sie aggressiv werden.

Bei der Studie zeigte sich ebenfalls, dass die veränderten Aktivitäten im präfrontalen Kortex sich vor allem auf die dorsomediale (mittlere) Region konzentrieren, die dafür zuständig ist, aggressive Signale zu verarbeiten. Eine verstärkte Aktivität in diesem Bereich deutet darauf hin, dass negative Impulse und Signale nach dem Trinken schneller und stärker wahrgenommen werden als nüchtern. So senken Bier, Schnaps, Wein und andere alkoholische Getränke die Hemmschwelle, steigern die Risikobereitschaft und führen zum sogenannten “Tunnelblick”. Als Folge nehmen betrunkene Menschen selektiv wahr und neigen dazu bestimmte Signale irrational zu bewerten. So kann ein Betrunkener, der in einer vollen Bar aus Versehen angerempelt wird, sich davon derart provoziert fühlen, dass er sofort einen Streit beginnt – obwohl der andere sich bereits entschuldigt hat.

Wie sind die Hormone an Aggressionen nach dem Alkoholkonsum beteiligt?

Aggressives Verhalten kann ab einer gewissen Menge Alkohol ebenfalls über die Hormone reguliert werden. Als psychoaktive Substanz greift Ethanol in das zentrale Nervensystem des Menschen ein und verändert dort die Ausschüttung von Hormonen. Meist kommt es zu einer vermehrten Produktion von Serotonin, einem Neurotransmitter, der eigentlich positive Gefühle hervorruft und daher als Glückshormon bekannt ist. Neue Überlegungen gehen jedoch davon aus, dass Serotonin einen Einfluss darauf haben kann, wie Betrunkene Aggression und andere bedrohliche Reize wahrnehmen. Vor allem bei einem regelmäßigen Alkoholkonsum kann dies Auswirkungen auf das Verhalten haben.

Aggressiv nach Alkohol: Was kann man tun?

Nicht alle Menschen verspüren nach dem Konsum von Alkohol Wut oder Aggression. Es liegt also auf der Hand, dass scheinbar viele verschiedene Aspekte aufeinandertreffen müssen, damit Männer bzw. Frauen nach Alkohol ein aggressives Verhalten entwickeln. So sind neurobiologische Faktoren, hormonelle Veränderungen und die eigene Persönlichkeit nur einige der vielen Faktoren, die dafür verantwortlich sind, wie Betrunkene auf andere Menschen und bestimmte Situationen reagieren. Auch eine niedrige Stresstoleranz und eine hohe Impulsivität können eine große Rolle für eine durch Alkoholika hervorgerufene Aggressivität sein. Genau hier könnte eine mögliche Aggressionstherapie ansetzen. Im oben genannten Fall wäre es beispielsweise möglich, der Alkohol-Aggression durch computergestützte kognitive Trainingsmaßnahmen entgegenzuwirken, welche die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen, die Problemlösefähigkeit und die Aufmerksamkeit stärken. Der Alkoholkranke würde somit deutlich schneller realisieren, dass das Anrempeln unbeabsichtigt war und die andere Person sich bereits entschuldigt hat. Sinnvollerweise werden solche Trainingsmaßnahmen im Rahmen eines qualifizierten Alkoholentzugs durchgeführt. Schließlich gilt es als erwiesen, dass es bei rund der Hälfte aller alkoholabhängigen Männer zu gewalttätigem Verhalten kommt.

Darüber hinaus tendieren gerade Personen mit einem Alkoholproblem dazu, künftige Belohnungen in Form einer besseren Gesundheit, einer gesteigerten Lebensqualität und einer erfüllten Beziehung wenig wahrzunehmen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf den sofortigen Belohnungseffekt durch Alkohol. Hier kann kognitives Training das Abstinenzverhalten positiv beeinflussen.

Eine professionelle Alkoholtherapie in einer Klinik für Alkoholentzug umfasst neben der körperlichen Entgiftung immer auch eine psychische Entwöhnung, in der auf die seelischen Ursachen einer Alkoholsucht eingegangen wird. Zusätzlich werden die sozialen Fähigkeiten und die Problemlösefähigkeit der Betroffenen gestärkt, alternative Stressbewältigungstechniken erlernt und durch einen fundierten Nachsorgeplan Vorsorge für den Alltag getroffen. Gerne stehen wir Ihnen für weitere Fragen und Informationen zur Verfügung.

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