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Polyneuropathie durch Alkohol: Symptome, Ursachen & Behandlung

Alkohol ist ein zell- und nervenschädigendes Gift, das im Körper großen Schaden anrichten kann. So ist allgemein bekannt, dass die Leber durch riskanten Alkoholkonsum geschädigt und Krebs durch Alkohol begünstigt wird. Weitaus weniger verbreitet ist die Erkenntnis, dass Alkohol auch das periphere Nervensystem in Form einer sogenannten Polyneuropathie schädigen kann. Die Krankheit geht mit verschiedenen Symptomen einher und kann für Patienten sehr belastend und schmerzhaft sein. Wie eine Polyneuropathie durch Alkohol entsteht, wie man sie erkennt und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, wird nachfolgend beschrieben.

Was ist eine Polyneuropathie?

Der menschliche Körper ist von einem weit verzweigten Netz an Nervenzellen durchzogen, welches in ein zentrales und ein peripheres System unterteilt werden kann. Während sich das zentrale Nervensystem in Gehirn und Rückenmark befindet, umfasst das periphere Nervensystem alle Neuronen, die sich außerhalb dessen befinden. Sie sind unter anderem für Empfindungen (sensibel), Bewegungen (motorisch) und die Funktion der inneren Organe (vegetativ) zuständig. Bei einer Polyneuropathie sind mehrere dieser Nerven erkrankt, so dass motorische, sensible oder vegetative Nerven nicht mehr oder nicht mehr vollständig funktionieren. Insgesamt leiden rund 5 bis 8 % der erwachsenen Bevölkerung an Polyneuropathien. Die meisten Fälle werden durch Diabetes oder einen dauerhaft hohen Konsum alkoholischer Getränke ausgelöst.

Wann ist eine Polyneuropathie alkoholbedingt?

Eine Polyneuropathie kann laut aktuellem medizinischen Forschungsstand durch mehr als 200 unterschiedliche Ursachen entstehen. Dennoch gilt die Alkoholsucht und die daraus resultierende Mangelernährung neben Diabetes als Hauptauslöser der Krankheit. Zwischen 22 und 66 % aller Alkoholiker entwickeln früher oder später eine Form dieser Erkrankung. Männer sind signifikant häufiger betroffen als Frauen. Weshalb eine Neuropathie vor allem bei Menschen mit einem besonders hohen Alkoholkonsum auftritt, ist bislang noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen jedoch von zwei möglichen Ursachen aus.

Zum einen handelt es sich bei Alkohol bzw. Ethanol um eine neurotoxische Substanz. Demzufolge spricht man in diesem Zusammenhang von einer exotoxischen, d. h. von einer durch eine äußere Substanz hervorgerufenen Schädigung. Der Verlauf der Erkrankung ist individuell. Welche peripheren Nerven betroffen sind, wie stark die körperlichen Beeinträchtigungen sind und wann die ersten Symptome auftreten, kann nicht vorausgesagt werden. Grundsätzlich gilt die Annahme, dass eine Alkoholsucht umso gravierendere Schädigungen an den Nerven auslöst, je länger sie andauert und je mehr Gramm reinen Alkohols regelmäßig konsumiert werden.

Zum anderen kann eine alkoholische Polyneuropathie indirekt durch Alkohol hervorgerufen werden. Schließlich wird durch eine Alkoholsucht meist die Ernährung vernachlässigt. Die Folge sind eine Unter- und Mangelernährung, bei der dem Körper lebensnotwendige Vitamine und Nährstoffe nicht ausreichend zugeführt werden, so dass es zu einer peripheren Neuropathie kommen kann. Vor allem die B-Vitamine spielen im Krankheitsverlauf eine wichtige Rolle. So wurde ein Vitamin B1-Mangel oder eine dauerhaft unzureichende Versorgung mit dem Vitamin B12 in vielen Fällen als Ursache für die Entstehung der Erkrankung ermittelt. Weitere Vitamine, die im Verdacht stehen bei einer unzureichenden Versorgung zu einer Schädigung der peripheren Nerven zu führen, sind die Vitamine B6 und B9. Ebenfalls können ein Vitamin E-Mangel oder ein Kupfermangel eine mögliche Ursache sein.

Neben Alkohol, Diabetes und einem Vitaminmangel können Vergiftungen durch Schwermetalle, Infektionskrankheiten, Nebenwirkungen chemotherapeutischer Behandlungen sowie autoimmunbiologische Faktoren Neuropathien auslösen. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise das Guillain-Barré-Syndrom zu benennen.

Alkohol und Polyneuropathie: Welche Symptome können auftreten?

Alkohol kann die Nerven schädigen – wie und in welchem Ausmaß die Beeinträchtigungen auftreten, ist ganz individuell. Bei der toxischen, durch Alkohol ausgelösten Polyneuropathie kann es auch vorkommen, dass gar keine Symptome identifiziert werden. Normalerweise reichen die Symptome bei Patienten von einfachen Missempfindungen wie einem leichten Kribbeln in Händen oder Füßen über Störungen in der Temperatur- und Druckwahrnehmung bis hin zu starken Schmerzen und Lähmungen in den Extremitäten. Im Rahmen einer vollständigen Diagnose wird meist zwischen sensiblen, motorischen und autonomen Symptomen unterschieden – je nachdem, welche Nerven durch den dauerhaft missbräuchlichen Alkoholkonsum geschädigt wurden.

Schädigung der motorischen Nerven

Patienten, bei denen die motorischen Nerven betroffen sind, leiden häufig unter muskulären Beeinträchtigungen. Hierzu gehören beispielsweise unkontrollierbare Muskelzuckungen, Muskelkrämpfe und Muskelschwäche. Je länger die Erkrankung ohne eine entsprechende Therapie andauert, desto gravierender können die Beschwerden sein. Wer kontinuierlich weiter Alkohol trinkt, riskiert auf lange Sicht sogar Muskelschwund.

Schädigung der vegetativen Nerven

Wenn Teile des vegetativen Nervensystems in Mitleidenschaft gezogen werden, kann dies im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen. Schließlich sind die vegetativen Nerven dafür verantwortlich, dass lebenswichtige Organe ihre Aufgaben ordnungsgemäß erfüllen. Ist dies nicht mehr gegeben, kann es zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen kommen:

  • Herzrasen
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung
  • Erektile Dysfunktion
  • Wassereinlagerungen
  • Probleme bei der Blasenentleerung

Die obigen Beispiele sind unangenehme, aber dennoch nicht lebensgefährliche Symptome. Solche treten immer dann auf, wenn der Alkohol vegetative Nerven wichtiger Organe, wie zum Beispiel der Lunge oder dem Herzen schädigt. In einem solchen Fall kann es zu einem Atemstillstand oder Herzrhythmusstörungen kommen. Schlimmstenfalls fällt der Patient ins Koma oder verstirbt.

Schädigung der sensiblen Nerven

Die sensiblen Neuronen sind in der Regel am anfälligsten für Schädigungen durch einen zu hohen Konsum von Alkohol. Deshalb klagen die meisten Patienten zunächst über Missempfindungen verschiedener Art:

  • Kribbeln und Stechen
  • Taubheits- oder Druckgefühle
  • Gangunsicherheit
  • Schmerzfreiheit bei Wunden
  • Missempfindungen in der Temperaturwahrnehmung

Für gewöhnlich sind die Zehen als erstes von Schmerzen, Kribbeln oder anderen Störungen betroffen, die meist symmetrisch auftreten. Das bedeutet, dass die Störungen auf beiden Körperseiten wahrgenommen werden. Teilweise kommt es ebenfalls zu asymmetrisch verteilten Symptomen wie zum Beispiel Taubheitsgefühle oder Lähmungen nur in der rechten oder linken Körperhälfte. Ist die Polyneuropathie auf Alkohol zurückzuführen, betrifft sie in der Regel körperferne Nervenregionen wie Hände oder Füße; körpernahe Formen der Erkrankung treten dagegen sehr viel seltener auf. Am gefährlichsten von allen Symptomen sind Schmerzfreiheit und die falsche Wahrnehmung von Temperaturen, da die Betroffenen dadurch oftmals Wunden an Füßen oder Beinen nicht bemerken, was zu Infektionen oder Nekrosen führen kann. Ebenso kann ein zu heißes Bad unter diesen Umständen gefährlich werden, weil es unbemerkt zu Verbrennungen führen kann.

Therapie und Behandlung: Wie lässt sich die Neuropathie behandeln?

Ob relativ gering belastende Folgen wie zum Beispiel Taubheitsgefühle im Bein auftreten oder ob Patienten unter starken Schmerzen leiden – die Behandlung der neurologischen Erkrankung erfolgt in der Regel abhängig von der identifizierten Ursache. So muss bei einer alkoholinduzierten Nervenschädigung der Alkoholgenuss mit sofortiger Wirkung eingestellt werden. Wer trotzdem weiter Alkohol trinkt, riskiert eine Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes und muss in Kauf nehmen, dass die Störungen schlimmer und Schmerzen chronisch werden. Parallel dazu ist es hilfreich die Versorgung mit verschiedenen Vitaminen zu verbessern. Insbesondere der Vitamin B-Mangel sollte schnellstmöglich behoben werden.

Je weiter fortgeschritten die Beeinträchtigungen sind, umso komplexer muss die Behandlung erfolgen. Schmerzen können beispielsweise durch verschiedene Medikamente gelindert werden. Zwar haben sich vor allem opioide Schmerzmittel als besonders wirkungsvoll erwiesen, jedoch sind diese Medikamente aufgrund ihres großen Suchtpotenzials nur in Ausnahmefällen zu empfehlen und bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit kontraindiziert. Andernfalls besteht die Gefahr neben der Alkoholkrankheit eine Medikamentensucht zu entwickeln. Häufig kommen krampflösende Arzneimittel wie Gabapentin sowie Antidepressiva wie Amitriptylin zum Einsatz.

Weitere vielversprechende Möglichkeiten der Behandlung bietet die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), die auch als Reizstromtherapie bekannt ist. Hierbei handelt es sich um eine Methode, mit der chronische Schmerzen gelindert werden können. Ebenso können physikalische Therapien wie Krankengymnastik helfen, die körperliche Verfassung zu verbessern und geschwächte Muskeln gezielt zu trainieren und zu stärken.

Polyneuropathie durch Alkohol: Entzug und Therapie als Ausweg

Menschen, die nicht an Diabetes oder unter einer angeborenen Form der Neuropathie leiden, haben die Erkrankung in vielen Fällen dem eigenen missbräuchlichen Alkoholkonsum zu verdanken. Insbesondere leichte Formen der exotoxischen Polyneuropathie sind jedoch heilbar und selbst bei weiter fortgeschrittenen Störungen lassen sich mit der richtigen Therapie positive Effekte erzielen. Die wichtigste Voraussetzung ist jedoch immer der Verzicht auf Alkohol. Führen Alkoholiker ihrem Körper trotz eindeutiger neurologischer Diagnose immer wieder alkoholische Getränke zu, können selbst Medikamente oder physikalische Therapien nur begrenzt lindernde Effekte erzielen. Dies ist für einen Suchtkranken jedoch einfacher gesagt als getan und aufgrund des starken Verlangens ohne professionelle Unterstützung nahezu unmöglich.

Darüber hinaus stellen sich beim Verzicht auf Alkohol Entzugserscheinungen ein, die für den Betroffenen äußerst belastend sind und sogar lebensgefährlich werden können. Besonders in Kombination mit einer peripheren Neuropathie sollten Alkoholiker daher in einer qualifizierten Klinik für Alkoholentzug entziehen. Dort ist es möglich, die Entzugserscheinungen durch eine entsprechende medikamentöse Therapie erträglich zu gestalten und gleichzeitig die Symptome der nervenschädigenden Begleiterkrankung zu lindern. So können in der My Way Betty Ford Klinik neben der Verhaltens- oder tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie im Rahmen der Entwöhnung Bewegungstherapien und Entspannungstechniken in Anspruch genommen werden. Durch einen Alkoholentzug in unserer Entzugsklinik werden also sowohl die Alkoholsucht, als auch die Symptome und Folgen der Neuropathie behandelt. Dies gilt nicht nur im Falle der durch Alkohol erworbenen Polyneuropathie, sondern auch mit Blick auf Komorbiditäten wie Angststörungen oder Depressionen. Für weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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